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OPERNKRITIKEN

l’Arena

Großer Beifall bei offener Szene für die Oper von Ponchielli, inszeniert von Pier Luigi Pizzi und dirigiert von Donato Renzetti

"Gioconda" Glanz der Dekadenz

Eine bildungsreiche und motivierte Interpretierung, die sich wie eine große Erzählung entwickelt.

Der Dirigent hat eine lyrische Neigung mit gemessener Teilnahme gewählt. Der Sopran Andrea Gruber bietet einen intensiven, manchmal unausgeglichenen Gesang. Der Chor antwortet nicht immer pünktlich. Gradlinig und wirkungsvoll die Choreographie von Iancu.
von Cesare Galla

In der "Gioconda" von Ponchielli wird die Schwierigkeit oder die Unmöglichkeit eines normalen Übergangs im italienischen Melodrama vom großartigen Wirken Verdis zu einen erneuten Stil und musikalischem Geschmack deutlich sichtbar. Als der alte Meister nach Aida sich der Überarbeitung seiner vorhergehenden Werke widmete (die musikalische Umwandlung von Shakespeares Stücke war noch entfernt), und bevor die sogenannte "junge Schule" mit Ungestüm ihre Vorzüge zeigen konnte, eignete sich der Komponist aus Cremona die Erwartungen von Publikum und Musikwelt an und schaffte eine neue, kreative Ausdrucksform. Nach einigen interessanten Versuchen mit den Werke "Die Vermählten" oder "Die Litauen" schien es, als könnte bzw. würde im Jahre 1876 "La Gioconda" den erwarteten Umbruch bringen. Dem war nicht so, trotz der anfänglichen Erfolgs, der gezeigten Schätzung, der triumphalen Einfügung dieser Oper in die Repertoires, aus denen sie in der Zwischenzeit unvermeidbar verschwunden ist.

Das große Drama, das Arrigo Boito aus einem Werk von Victor Hugo entwickelte und ihn mit dröhnenden und klangvollen Versen füllte, mit feuilletonhaften Ereignissen, mit einem ultrabösem Bösewicht (es handelt sich immerhin um einen Spion), mit Scheintoten, Giften und Dolchen, mit herbeigesehnten und dann verwirklichten Selbstmorden, mit reiner Liebe und zähflüssigen, erotischen Begierden, wird in Ponchiellis Partitur auf "hybrider" Weise zusammengefügt. Die Oper behält die Form von Verdis romantischem Melodrama, doch in ihr ist auch der französischen musikalischen Geschmack enthalten: Eine wichtige Rolle spielen sowohl die großen Chorszenen wie auch das Ambiente (Venedig rückt hier klar im Vordergrund); ein nicht gerade oberflächiger Lyrismus ist spürbar, den der Komponist mit sachkundiger Hand und melodischer Ader, die kaum banal wirkt, unterstreicht, der sich jedoch nicht als bedeutendes, stilistischen Zeichen behauptet, weil die Spannung im Ausdruck einer ständigen "Zerrung" ausgesetzt wird, verstärkt durch einen vokalen Charakter, der in einigen Momenten an die glühende Atmosphäre des Verismus erinnert. Boito und Ponchielli gehen im Wesentlichen nicht in dieselbe Richtung: Der Poet suchte nach einem italienischen Weg zur "neuen Oper" (nur in der Beziehung zu Verdi kommt seine wirkliche Neigung zur Dramaturgie richtig zum Vorschein) und der Musiker besaß nicht eine einschneidend-spektakuläre dramatische Synthese. Er war ein hervorragender Handwerker, der das Orchester mit Eleganz und zuständiger Feinheit führen konnte, der jedoch in der Gioconda seine Unfähigkeit zur Entscheidung zeigte. Doch eben diese Unsicherheit ergibt paradoxerweise sowohl die Schwächen wie auch die interessanten Seiten dieser Oper, denn durch sie versteht man die Gefühlsschwankungen und die Schauder, die die Welt des italienischen Melodramas in den Jahren vor seiner schweren Umwandlung durchzogen und bevor eine Epoche beendet und eine andere begonnen wurde.

In der Partitur ist ein Gefühl drohender Dekadenz enthalten, die in Wirklichkeit allerdings nie wahr wurde. Pier Luigi Pizzi geht von dieser Feststellung aus und "zeichnet" in der Arena eine beispielhafte Aufführung der Oper La Gioconda (seit 17 Jahren hier nicht mehr aufgeführt) mit der vorgestern Abend mit Erfolg das 83. Opernfestival eröffnet wurde. Man kann sich heute nur schwer eine fließendere und wirkungsvollere technische Nutzung dieser Bühne bei dem, was momentan erlaubt ist, vorstellen, und das vor der "Revolution", die für die nächste Saison bereits angekündigt worden ist. Pizzi hat Venedig in grauen, zarten Farben gehüllt und meisterhaft mit der Breite der Bühne gespielt; er hat hingegen die Tiefe und die hinteren Stufenreihen nicht ausgenutzt.

Unter den vier Brücken gleiten still und heimlich Gondeln und kleine Boote; auf zwei Ebenen spielt sich die Handlung ab, in einem Auf und Ab von Stufen. Ein bedeutender Hintergrund, umrahmt von dunklen Zypressen, ist gleichzeitig Himmel und Meer (wie in der berühmten Romanze von Enzo Grimaldo gesagt wird), und dieser verschließt den Blick zum erdrückenden und im Grunde klaustrophobischem Geschehen und verwirklicht eindrucksvolle Gegenlichtspiele. Hauptmerkmal dieses großen Regisseurs und Bühnenbildners ist der feine, figurative Geschmack: Dieser bricht in der farblichen Aufstellung der seitlich aufgestellten Massen, heraus, in den leichten Bewegungen, in der einzigartigen Wirksamkeit der Kostüme, die mit beinahe philologischer Genauigkeit von einer im Dämmerlicht eingehüllten Stadt erzählen, und dies mit einer Farbenpalette in allen Grautönen, doch auch mit einem lebendigen Rot: Ein Kontrast tadelloser Eleganz und vor allem dramaturgischer Evidenz. Die Szene wirkt stehend, doch durch die Bewegung der Brücken, die in den vier Akten je nach Geschehen Innen- und Außenansichten schaffen, wird sie schnell verändert; dadurch wirkt Pizzis Inszenierung wie eine große Erzählung, und die Fähigkeit des Erzählens "befreit" in einem gewissen Sinne die Begrenztheit von Ponchiellis Melodrama und bietet dem Publikum eine intelligente und begründete, feine und intuitive, aktuelle doch respektvolle Lektüre dieses musikalischen Werkes.

Der Dirigent Donato Renzetti bewegt sich in einer ähnlich geschmeidiger Interpretierung, die im Ausdruck nie unausgeglichen wirkt, eher versucht zu vermitteln, die Partitur von Ponchielli zu ergründen, den Lyrismus mit gemäßigter Teilnahme auszulösen und die Leidenschaft ohne einen verstärkt veristischen Reiz zu entfachen. Sich der komplexen stilistischen Motivierung des Komponisten bewusst, übernimmt Renzetti diese aufmerksam und zeichnet gut die gehaltvolle doch elegante Wirksamkeit des symphonischen Ausdrucks, und entfaltet diesen im Finale des ersten Aktes und in der Danza delle Ore.

Zu Feinheiten weniger bereit waren die Sänger. Andrea Gruber war eine leidende und leidenschaftliche Gioconda, ihr Gesang ist intensiv wenn auch nicht immer ausgeglichen, ungleichmäßig in der Koloratur, mit einer Tendenz zu Abflachungen bei den hohen Tönen. Die Rolle des Barnaba, schmeichlerischer und redseliger, teuflischer Ränkeschmied (er ähnelt Jago, den Boito für Verdi darstellen wird) wird von Alberto Mastromarino gesungen: Er deklamiert auf ungestümer, nicht immer kontrollierter Weise, im ersten Akt wirkt die Stimme ab und zu etwas rau (die Rolle ist wirklich aufwendig), manchmal schließt er die Koloratur indem er den Klang durch die Nase ausstößt, und am Ende wirkt er herb mit veristischen Merkmalen. Carlo Colombara ist ein hochmütiger, eiskalter Alvise Badoero; er besitzt einen vollen, vokalen Charakter, dem Cantabile nicht fremd, während der Tenor Marco Berti hat nur im zweiten Teil nach einigen Unsicherheiten bei der Arie "Himmel und Meer" Glanz und Klang in seinen Gesang gebracht. Auch er hat eher auf die veristischen Erregungen der romantischen Rolle des Enzo Grimaldo gesetzt als auf seine Seelenqualen. Im Wirbel furchterregender Leidenschaften des Dramas wählt auch Ildiko Komlosi in der Rolle der engelhaften Laura Adorno eine volle und gereizte Phrasierung, mit einigen Schwankungen beim Ausstoßen der Klänge und im Aushalten. Vorsichtig wirkt die pathetische Haltung von Elisabetta Fiorillo als arme und leidende Blinde, angenehm geschmeidig in der Phrasierung. Nicht besonders genau ist der Gesang der vielen weiteren Darsteller und der Chor setzt nicht immer pünktlich an.

Die Choreographie von Gheorghe Iancu im Ballett Danza dell Ore ist von linearer Eleganz: Die Darbietung von Roberto Bolle glänzte durch die gewandte Ausdruckskraft (der leichte Ausrutscher ist bedeutungslos). Gut Letizia Giuliani an seiner Seite und wirkungsvoll die Gruppe Solisten des Balletts der Arena.

Voller Erfolg und Beifall bei offener Szene; am Ende langer Applaus von einem Publikum das nicht die ganze Arena gefüllt hatte. Weitere Aufführungen am 25. Juni, 2., 12., 16., 21. und 30.Juli.

Deut. Übersetzung des Artikels aus L'Arena vom 19.6.2005 - L' Arena


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